Check-in und Check-out

Council, Circle, Kreisgespräche – es gibt viele Namen dafür, wenn Menschen im Kreis zusammenkommen, von Herzen sprechen und sich aufrichtig zuhören. Es handelt sich um die älteste Form der Kommunikation in Gruppen; unsere Vorfahren saßen seit Jahrtausenden im Kreis um das Feuer und erzählten Geschichten. Ich habe diese Arbeit bei meiner Reise der Selbsterfahrung kennengelernt und seitdem ist diese Art des Gesprächs für mich ein wichtiger Bestandteil meines Lebens geworden.

Circles oder Kreis – so nenne ich diese Form der Kommunikation, seit ich Art of Hosting kennengelernt habe – können etwas Magisches sein. Wenn Menschen zusammenkommen, die wirklich ein Gespräch führen wollen, das uns weiterbringt, und wenn man ein paar Grundprinzipien beachtet, dann passiert „es“. Um den Circle als Ganzes wird es in einem eigenen Artikel auf diesem Blog gehen.

Heute will ich mich einem dieser Grundprinzipien des Kreises widmen: den Raum bewusst zu öffnen und auch bewusst zu schließen. Das ist der Check-in und der Check-out. Es ist ein Ritual; vor dem Check-in ist anders als nach dem Check-in ist anders als nach dem Check-out. So wie wenn man durch eine Tür in einen anderen Raum hinein tritt und dann wieder durch die Tür aus diesem Raum heraus tritt. Dieses Ritual hilft dabei, Bewusstheit für den Gesprächsraum und die Qualität des Gesprächs zu schaffen.

Im Buch Circles: Die Kraft des Kreises von Ann Linnea und Christina Baldwin wird noch der „Auftakt“ als erstes Element vor dem Check-in  genannt. Der Auftakt trägt dazu bei, den Fokus auf den Kreis zu richten, den Alltagsplausch zu unterbrechen und den offiziellen Beginn des Treffen zu markieren. Er kann ganz unterschiedlich sein: Förmlich, feierlich, kulturell oder zwanglos. Das kann ein Gedicht, ein Lied (die Nationalhymne, was aber bei uns ja nicht so üblich ist) oder einfach nur ein Gong sein. Ich nutze oft einen Moment der Stille, der Meditation, damit jeder zu sich kommen kann.

Der Check-in

Menschen, die regelmäßig reisen, kennen den Check-in im Hotel oder am Flughafen. Es ein ein wiederkehrendes Ritual, so wie zu sagen: „Ich bin da!“ Am Flughafen und im Hotel ist es ein äußerliches Ritual: Ich bin da, ich will mitfliegen oder ich will hier schlafen. Im Circle ist es ein Ritual, das die innere Verbindung untereinander und zur Mitte des Kreises schafft. Ich teile etwas von mir mit, ich werde gesehen und ich sehe und höre auch jeden im Kreis einmal.

Der Check-in gibt den Ton des Gespräches vor. Je nach Kontext des Treffens und Zusammensetzung der Gruppe wird der Check-in gestaltet.

Wenn sich die Teilnehmer untereinander kaum kennen, so ist es sinnvoll, wenn jeder und jede erst mal seinen Namen sagt, dann EINE Info über sich gibt und dann die Antwort auf die Check-in-Frage. Ich vermeide es, bei der Info-Frage nach dem Beruf zu fragen, da es hierzulande fast schon üblich ist, sich mit dem Beruf vorzustellen, und mein Gefühl ist, dass man dadurch schneller in Schubladen denkt. Besser ist die Frage nach der Geburtsstadt, wie man zu diesem Treffen gekommen ist oder die Dauer der Mitgliedschaft in der Gruppe oder Ähnliches. Bei offizielleren Treffen oder wenn die gemeinsame Kultur nicht so sehr auf tiefgehende Beziehung angelegt, ist es auch sinnvoll, eine Info-Frage zu wählen, die jeder beantworten kann, ohne dass er zu viel von sich preisgeben muss. Wenn es stimmig ist, kann aber auch hier schon eine persönlichere Info-Frage gestellt werden.

Bei Gruppen, die sich kennen, starte ich zumeist direkt mit der Check-in-Frage. Wenn man ein Online-Treffen hat und die Teilnehmer sich dabei nicht per Video sehen können, ist es ganz wichtig, dass jeder seinen Namen nennt, bevor er spricht.

Check-in-Frage

Je nachdem, in welchem Kontext ein Circle stattfindet, ist es sehr wichtig, genügend Aufmerksamkeit auf die Vorbereitung der Check-in-Frage zu verwenden. Die richtige Check-in-Frage zu finden, ist eine Kunst. Auch hier liegt es im Können des oder der Einladenden heraus zu finden, was die Frage bewirken soll: Geht es ums Verbinden, ums Herzöffnen oder darum, Vertrauen zu schaffen? Oder will ich schon mal auf das Thema hinführen?

Wir nutzen Check-in auch, um unsere regelmäßigen (Online-)Treffen der Münchner Art of Hosting-Gruppe zu beginnen. Dabei wird eher spontan – aus der Gruppe heraus – nach einer Check-in-Frage gesucht. Wir sind natürlich alle schon erprobt im Circle-Gespräch, was eine solche spontane Check-in-Frage ermöglicht. Trotzdem merke ich aber auch, wenn sich jemand aus dem Kreis (vielleicht sogar unabgesprochen) vorab Gedanken zu einer Check-in-Frage macht, dass das sofort eine andere Qualität des Raumes bewirkt. In einem geplanteren, mehr offizielleren Treffen, ist es meines Erachtens unabdingbar, sich vorab Gedanken darüber zu machen.

Ich bevorzuge Fragen, die nicht direkt in das Thema einsteigen, da ich das Gefühl habe, dass dadurch Zielfokussierung, die die meisten haben, etwas abgeschwächt wird und ein kleines, inneres „Hoppala“ stattfinden kann, was die Aufmerksamkeit erhöht. Bei regelmäßigen Treffen mit untereinander bekannten Menschen kann man durchaus auch mal erzählen, was seit dem letzten Mal im persönlichen Leben passiert ist. So weiß man, wo der andere steht, wie es ihm geht und was es Neues gibt. Ich empfinde es als wohltuend, bei Treffen mit Menschen, die ich nicht so häufig sehe, mit ihnen auf diese Art in Beziehung zu treten. Vor allem, wenn man im Alltagstrubel nicht die Zeit findet, wirklich mal vom anderen zu hören, wie es ihm geht, weil man so sehr mit den To-Dos beschäftigt ist. Bei unseren wöchentlichen Treffen hilft mir das, zu jedem Einzelnen die Beziehung zu vertiefen. Das ist eine gute Basis für die gemeinsame Arbeit in dem Treffen.

In einem Training im Bregenzer Salon hatte ich am zweiten Tag die Aufgabe, das Check-in zu hosten. Zu zweit haben wir uns überlegt, dass wir die Gruppe nach einem Traum der vorigen Nacht in fragen. Es war wirklich spannend und bemerkenswert, was an Beiträgen kam und wie das das Miteinander sofort auf eine tiefere Ebene gebracht hat. Und ein sehr schönes Beispiel dafür, dass auch tiefe und persönliche Fragen möglich sind, wenn der Kontext stimmt.

Der Check-in hilft uns also, uns untereinander zu verbinden und so das Feld für ein Gespräch zu bereiten, das uns weiterbringt. Ein schönes Zitat aus dem oben erwähntem Buch bringt es für mich auf den Punkt: „Wann immer die Frage eine Antwort auslöst, die Verwundbarkeit offenbart, gewinnt der Check-in an Tiefe.“

Der Check-out

So wie der Check-in den Raum öffnet, so schließt der Check-out diesen. Alles, was für den Check-in gesagt wurde, gilt auch für den Check-out. Es kann von einem einfachen Schlagen einer Glocke oder einer Klangschale, über ein kurzes Statement jedes und jeder einzelnen („Blitzlicht“: ein Satz, ein Wort, ein Gefühl) bis hin zur Runde, in der jeder für (von) sich reflektiert, was er gelernt hat, gehen.

Ich empfinde die Frage: „Was ist jetzt für Dich anders, als es vor dem Treffen war“ eine sehr interessante Frage, um eine kurze Reflektion des Treffens in der Runde zu machen. Dabei ist es auch schön, zu sehen, was andere erfahren und gelernt haben. Mich regt das häufig dazu an, nochmal anders über das Geschehene nachzudenken.

Der Check-out kann auch unterstützend für das Harvesting, das Ernten der Ergebnisse, wirken, wenn es nicht schon während des Gesprächs ein Harvest gegeben hat. Auch hier gilt, dass ein guter Check-out vorbereitet sein will und an den Kontext angepasst sein soll.

Leider geht es mir in den regelmäßigen Treffen so, dass der Check-out häufig weggelassen wird, weil die Zeit längst rum ist oder alle schon weg müssen. Auch wenn ich mir der Wirkung des Rituals bewusst bin, so gibt es auch Gegebenheiten, in der die Flexibilität gefragt ist. Da ist es gut, spontan zu reagieren und eine kurze Blitzlicht-Runde: „Was ist Dein momentanes Gefühl?“

Seit ich den Circle oder Council kennengelernt habe, möchte ich es nicht missen, Gespräche und Zusammentreffen mit dem Check-in zu beginnen. Das verändert das Miteinander und ich kann den Unterschied in der Qualität spüren. Ich sehe auch den Check-out als sehr wichtig an, um den Raum abzuschließen und so wirklich das Besondere, was im Circle passiert, zu umrahmen.

Thomas