Ein Gespräch mit Charles Savage

Als ich vor einigen Wochen für den Artikel über 20 Jahre World Café recherchierte, bin ich auch auf den Namen Charles Savage gestoßen. Er war vor 20 Jahren dabei, als die Intellectual Capital Pioneers um Juanita Brown und David Issacs sich mit Wissenschaftlern und Managern von internationalen Unternehmen trafen, um das Thema Wissensmanagement zu erforschen. Charles war damals bei der DEC Corporation und hatte schon das Buch Fifth Generation Management geschrieben.

Die Macht von Fragen

Charles lebt und arbeitet heute in München. Er ist ein sehr vielseitiger Mensch und hat mich schnell in seinen Bann gezogen. Abgesehen von seiner Liebenswürdigkeit und seinem Charisma ist Charles jemand, der sich viele Gedanken zu dem „Großen Ganzen“ macht. Wir hatten uns zu diesem Gespräch getroffen und ich wollte mal seine Geschichte des World Cafe hören. Doch schon während wir uns vorstellten, begann Charles sehr interessiert zu fragen, begann tiefer zu blicken. Er hat viel nach meinen Erlebnissen und Erkenntnissen gefragt und durch seine Art gewann unser Gespräch sehr schnell an Tiefe. Ich habe mich durch seine Art zu fragen und Zusammenhänge herzustellen sehr zum Nachdenken anregt gefühlt und nochmal neu darauf geblickt, was ich im Art of Hosting tue, worum es mir geht. Das Gespräch mit ihm war sehr inspirierend und hat mir einige persönliche Einsichten für meine berufliche Art of Hosting-Arbeit gebracht.

Wie das World Cafe auch entstand

Letztlich kamen wir dann, gegen Ende hin, doch noch auf Charles Geschichte vom World Cafe zu sprechen. Sie ist ein wenig anders, als die „offizielle“ Version von Juanita und David: Charles hat – nach seinen Ausführungen – das Café mit zu den Treffen der Intellectual Capital Pioneers gebracht. Er hat den beiden das Format gezeigt und mit ihnen gemeinsam das Café durchführt. Bei meinen Recherchen habe ich auch entdeckt, dass das World Café nicht aus dem Nichts entstanden ist; es gab Vorläufer oder Ähnliches, was schon in der Welt war. Unter anderem war es als Knowledge Café bekannt.

Jetzt kann man sich natürlich fragen: „Was ist denn richtig? Wer hat Recht?“ Aber ich denke, dass es nicht darum geht, eine Entscheidung zu treffen, richtig und falsch anzuwenden und zu bewerten. Das ist für mich einer der wichtigsten Grundsätze beim Art of Hosting. Die Vielfalt zulassen und auch verschiedene Meinungen, Sichtweisen, Argumente stehen zu lassen. Nebeneinander stehen zu lassen. Und genau diese Spannung auszuhalten. Dadurch entsteht für mich der Raum, wo Vielfalt möglich ist, wo Divergenz im Raum entsteht und dadurch wirklich Neues entstehen kann.

Wer kann schon sagen, was die „wirkliche“ Wahrheit ist? Vermutlich hat jeder Recht; ein wenig. Ob mehr oder weniger? Ist das wichtig? Ich hatte am Anfang mit der Geschichte schon meine Zweifel und Fragen, was denn jetzt richtig ist. Je mehr ich mich jedoch damit beschäftigt habe und mir vorgestellt habe, wie es damals vielleicht wirklich war (auch mit den Erfahrungen, die ich selbst mit Emergenz gemacht habe), ist mir klar geworden, dass es viele Wahrheiten gibt. Und damit habe ich meinen Frieden gemacht und es fühlt sich sehr stimmig an.

Charles betont auch, welch hervorragende Arbeit Juanita und David gemacht haben, indem sie dem Ganzen den Namen „World Café“ gegeben haben und es weltweit verbreitet haben. Er gibt auch Kurse für das Format und wendet es in seiner Arbeit an. Heute ist das Format World Café für viele eine bekannte Methode für partizipative Grossgruppenarbeit. Und die Entwicklung ist nicht stehen geblieben. Wie in diesem Artikel erwähnt haben sich daraus andere Formate entwickelt.

Und auch Charles hat das Format weiter entwickelt. Er nennt es Dynamic Teaming Process. Dieses Format hat sich parallel zum World Café entwickelt und ist ein etwas komplexeres Format, damit die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch die Talente eines jeden erkennen können. Ein Handbuch ist hier erhältlich.

Beim Art of Hosting-Training

Ich hatte Charles nach unserem Gespräch eingeladen, mit zum Art of Hosting Training zu kommen und uns (s)eine Geschichte zu erzählen. Wir haben das im Rahmen eines „Collective Story Harvests“ gemacht, das von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern vorbereitet wurde. Charles „Geschichte“ war ein neues Format, dass er mit uns ausprobiert hat. Er hat uns zusammen mit dem Teilnehmerteam in das Jahr 8026 entführt, in die Welt, die so wunderbar geworden ist. Und dann hat er uns gefragt, was denn jeder in der Vergangenheit (also 2015) richtig gemacht haben, dass die Welt so wurde, wie sie ist. Auch hier hat er uns mit kraftvollen Fragen zu Nachdenken angeregt. Für alle Teilnehmer des Trainings ist der Abend sicherlich noch sehr inspirierend und amüsant (nicht zuletzt wegen der Space Ship-Inszenierung des Teilnehmerteams) in Erinnerung.

Ich freue mich, wenn Charles auch weiterhin mit der Art of Hosting-Community verbunden bleibt und ich mit ihm und auch mit Euch in anregende Gespräche komme.

Thomas