Management Y & Art of Hosting

Seit September 2014 gibt es das Buch „Management Y“ auf dem Markt, das sich mit Agile, Scrum, Design Thinking & Co. beschäftigt. Vielleicht frägst Du Dich jetzt, ob Du im falschen Blog gelandet bist? Nein, wir sind hier immer noch bei dieGastgeber.eu für Gespräche, die uns weiterbringen. Ich möchte dieses Buch aus zwei Gründen vorstellen. Zum einen wird im Buch Art of Hosting als eine von „24 Möglichkeiten, jetzt zu handeln…“ vorgestellt. Es geht im Buch darum, wie jeder Einzelne ein Mitgestalter des Wandels hin zu einer neuen Arbeitswelt werden kann. Dazu werden im ersten Teil neue Blickwinkel auf die Art und Weise, wie wir arbeiten, eröffnet: Wie schaffen wir neue Wege zu einer leistungsfähigen Organisation und wie können wir unsere Arbeitswelt humaner, attraktiver und zukunftsfähiger gestalten? Vor allem interessant aus AoH-Perspektive sind im ersten Teil die beiden Kapitel „Organisation gemeinsam beleben“ und „Menschen ehrlich begeistern“.

Und dann werden im zweiten Teil, im „Praxisteil“, 24 Möglichkeiten aufgezeigt, jetzt zu handeln. Hier kann sich jeder persönlich von Beispielen aus der Praxis inspirieren lassen und in seinem Umfeld etwas ändern. Eine Möglichkeit, die dabei vorgestellt wird, ist – wie schon erwähnt – Art of Hosting. Markus Wittwer aus Hamburg hat den Beitrag dazu geschrieben und erklärt anhand einer „kleinen“ Geschichte, was der Protagonist Stefan während einer zweitägigen Art of Hosting-Veranstaltung zur strategischen Neuausrichtung seines Unternehmensbereichs erlebt. Für viele AoH-Insider ist das sicher ganz nett, aber nichts Neues. Der Beitrag ist auch eher für eine breite Masse geschrieben, damit jemand, der Art of Hosting noch nicht kennt, einen Eindruck bekommen kann, was es leisten kann. Ich finde, es ist Markus Wittwer gut gelungen, Art of Hosting in diesem Sinne darzustellen. Vor allem spricht er nicht von einer Methode, sondern von einem Weg und einem Paradigmenwechsel.

In diesem Praxisteil wird dann jede der 24 Möglichkeiten im Hinblick auf Veränderungsprozesse bewertet, und zwar inwiefern sie die sechs ausgewählten Ziele unterstützen. Die Einschätzung zu AoH ist jeweils in Klammern angegeben: „Den Kunden erforschen“ (gering); „Teamgefühl/Vertrauen stärken“ (mittel); „Kollektiv entscheiden“ (mittel); „Freiräume schaffen“ (hoch); „Miteinander/Voneinander lernen“ (hoch); „Führung neu ausgestalten“ (mittel).

Ich finde das einerseits einen durchaus interessanten Ansatz, eine solche Bewertung vorzunehmen und würde gerne auch von Dir, lieber Leser, hören, wie Du das siehst. Gleichzeitig ist mir aber auch klar, dass man „Art of Hosting“ nicht so über einen Kamm scheren kann, da es DAS Art of Hosting überhaupt nicht gibt. Es handelt sich ja wirklich um eine Haltung oder ein Betriebssystem und jeder Praktizierende nutzt andere Methoden in seiner Praxis. Eine solche Bewertung würde vermutlich jedes Mal anders ausfallen. Trotzdem finde ich es einen interessanten Ansatz, es etwas greifbarer und – ja, ich sage es jetzt – messbarer zu machen. Ich bin selbst auch kein Freund davon und weiß, dass man Motivation oder Innovation oder Emergenz nicht messen kann.

Warum ich es trotzdem interessant finde, kommt daher, dass es immer wieder vorkommt, wenn man in den „Mainstream“, in Unternehmen, geht, dass eben genau eine solche Messbarkeit nachgefragt wird. Es ist müßig, dagegen zu argumentieren, wenn man diesen einen Auftrag erhalten möchte! Daher bin ich manchmal bereit, diese Kröte zu schlucken und mich auf diese Sichtweise einzulassen. Und da sehe ich eben genau die Schwierigkeit, eine valide Bewertung vorzunehmen. Gibt es denn schon jemand mit einer guten Erfahrung damit?

Aber zurück zum Buch: Ich hab es sehr gerne gelesen, vor allem der erste Teil hat mich sehr angesprochen und inspiriert. Es geht dort um den Wandel in der Arbeitswelt, der in den letzten Jahren „gefühlt“ stattfindet. Und es wird auch dargelegt, dass es nicht nur ein idealistisches Wunschdenken ist, eine humanere Arbeitswelt zu schaffen. Es ist inzwischen erwiesen, dass man nachhaltig bessere Ergebnisse erzielt, wenn man in einem freundlichen und kreativen Umfeld mit funktionierenden Beziehungen lebt und arbeitet. Etwas, das auch Tim Merry in seinem letzten Blog angesprochen hat. Und wie Ilse es so schön ausgedrückt hat: „Es ist inzwischen Common Sense, aber nicht Common Practice“.

So dürfen wir Art of Hoster also auch ein Stück dazu beitragen, dass das, was schon erwiesen ist, auch zu einer allgemein gelebten Wirklichkeit wird. Interessant dabei ist, dass sich der Titel „Management Y“ ja nicht auf die gleichnamige Generation bezieht, wie man vermuten könnte. Sondern es ein Begriff ist, den der Psychologe Douglas McGregor in den 1960er Jahren am Massachusetts Institute of Technology (MIT) geprägt hat. Er spricht im Gegensatz zum Management X vom Management Y, welches das Menschenbild hat, dass „Menschen intrinsisch motiviert (sind und) von sich aus was erreichen (wollen). Die Aufgabe der Führungskraft ist es, den Mitarbeitern zu dienen und sie dabei zu unterstützen, sich weiter zu entfalten“ (aus dem Buch Management Y zitiert). Wohl gemerkt, das hat McGregor schon 1960 geschrieben.

Und das ist auch der zweite Grund, warum ich dieses Buch in unserem Blog vorstellen möchte. Als wir zu Beginn über unseren Purpose (Sinn und Zweck) und die Inhalte des Blog gesprochen haben, haben wir auch gesehen, dass wir gerne angrenzende Gebiete zu Art of Hosting als Teil des Blogs integrieren möchten. Da ich mich seit einiger Zeit mit SCRUM und Agilität beschäftige, ist mir klar geworden, wie ähnlich die Grundhaltungen doch im Art of Hosting und in der agilen Community sind. Agilität und SCRUM kommen aus der Softwareentwicklung und finden in letzter Zeit mehr und mehr Eingang in weitere Bereiche des Managements. AoH und Agilität haben ein sehr ähnliches Menschenbild und je tiefer ich einsteige, umso mehr erkenne ich, wie sehr sich beide immer weiter überlagern. Agilität spricht von Selbstorganisation, von Transparenz, von Selbstbestimmung, von Teamarbeit. Sie spricht von kurzen Iterationen (Sprints) und regelmäßigen Reviews, in denen man das „WIE ARBEITEN WIR“ anschaut und verbessert. Interessant ist dabei, dass es bei SCRUM (das sich selbst als Framework für agiles Arbeiten definiert) aber nicht darum geht, die Beziehungsebene anzuschauen, sondern eher den Rahmen drum herum. Also welche sogenannten „Patterns“ (wie Sprint, Review-Meetings, …) erleichtern es, dass man zu einem hochperformantem Team wird. Im Art of Hosting gehen wir mehr auf die Beziehungsebene ein und der Blick auf die Performanz gerät dabei manchmal etwas in den Hintergrund.

Insofern ergänzen sich beide Ansätze für mich. Doch das ist noch ein weites Feld, das sicher noch öfter Thema in diesem Blog sein wird.

Einer der Autoren des Buches übrigens, Ulf Brandes, ist auch derjenige, der im Kernteam des Film „Augenhöhe“ mitgearbeitet hat. Dieser ist ja im Moment sehr en vogue. Es sind ähnliche Themen und gleiche Beispiele die im Film angesprochen werden. Dazu gibt es in den nächsten Wochen auch noch einen Artikel.

Thomas