Das Diamant-Modell der partizipativen Entscheidungsfindung

Im Art of Hosting-Training ist das Modell über Divergenz-Emergenz-Konvergenz ein zentraler Bestandteil der Theorie. Dabei geht es um die Basis, auf der partizipativen Prozesse aufgebaut sind und dass es eine Zone der Emergenz gibt, worin „das Neue“ entstehen kann (emergieren kann). Kaum jemand kennt für dieses Konzept den Namen „Diamant-Modell“.

Die Frage, die hinter diesem Konzept steht, ist: „Wie kommt eine Gruppe zu einer gemeinsamen Entscheidung, zu einer Lösung für ein Problem oder eine Fragestellung?“ Durch die Methoden, die wir im Art of Hosting anwenden (wie z.B. Circle, Open Space, World Café u.a.) wollen wir den Raum öffnen, für eine breite Vielfalt von Meinungen und Ideen. Wir unterstützen die Diversität und halten den Raum, so dass jede Meinung Platz hat. Das ist die Divergenz-Zone.

Knirschzone

Wenn wir den Raum und die Ungewissheit in der Gruppe länger halten können, so kann dadurch etwas Neues entstehen. Ideen werden anders miteinander verbunden, Neues taucht auf. Dazu ist auch eine besondere Haltung hilfreich, die Otto Scharmer als Presencing (siehe Artikel über Zuhören) beschreibt. Das ist die Emergenz-Zone oder auch Knirschzone (englisch Groan Zone), weil es dort häufig zu verschiedenen Verhalten innerhalb der Gruppe kommt, die den Prozess unterbrechen können. Hier einige Beispiele von Aussagen: „Wir müssen jetzt mal eine Entscheidung treffen.“ „Das bringt doch alles nichts.“ „Wir haben uns verrannt.“ „So kommen wir nie zu einer Lösung.“ Das ist nichts Verwerfliches, es ist eher ein natürliches Verhalten, da wir ja zumeist lösungsorientiert denken. Und heutzutage, wo die Menschen immer mehr Belastung spüren, immer mehr in immer weniger Zeit schaffen wollen und kaum mehr Zeit für ein tiefgehendes Gespräch bleibt, wird diese „Lösungsorientierung“ noch weiter verstärkt. Ein zu frühes „Schließen“ führt jedoch häufig zu altbekannten oder zu wenig nachhaltigen Lösungen, bei denen sich jemand in der Gruppe durchgesetzt hat, ohne dass Raum für eine gemeinsame Lösungsfindung gegeben war.

Konvergenz

In vielen meiner bisherigen Hostings haben wir diese Divergenz und die Knirschzone gut anregen und halten können. Häufig war dann aber – zeitlich bedingt – nicht mehr genügend Zeit, um zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen. Es wurde dann der Harvest gemacht – die Ernte eingefahren -, indem die wichtigsten Erkenntnisse oder Ideen auf Karten geschrieben wurden und – wenn möglich – geclustert. Diese Ergebnisse wurden dann gesichert (fotografiert, abgeschrieben, …) und an alle verteilt. Und auf das nächste Mal „vertagt“.

Die Idee der Konvergenz-Zone ist, die Vielfalt der Ideen, die entstanden sind, in einem weiteren Prozess, der Teil des gesamten Prozessdesigns ist, zu verdichten und zu einer Entscheidung zu kommen. Hier kommt der Zweck des Treffens, den man ganz zu Beginn des Prozessdesigns gefunden hat, ins Spiel. Ist der Zweck zu einer Entscheidung zu einer Frage zu kommen, dann muss das Ergebnis sich daran messen lassen. Gibt es einen anderen Purpose (z.B. Teambuilding oder Erfahrungsaustausch, o.ä.), so ist eine Entscheidung nicht so maßgeblich. Meist empfiehlt es sich aber auch dabei, sich nächste Schritte zu erarbeiten.

Eine Kritik, die sich AoH immer wieder gefallen lassen muss, ist, dass wir zwar tolle Veranstaltungen machen und die Menschen sich wohl- und gehört fühlen, aber dass zu wenig Konkretes daraus erwächst. Meine persönliche Meinung ist, dass häufig diese Konvergenz-Zone nicht ausreichend Aufmerksamkeit erfährt. Ich werde auf jeden Fall in meiner künftigen Praxis, mehr Fokus auf diese Konvergenz legen und noch stärker darauf achten, wie wirkliche Entscheidungsfindung in partizipativen Prozessen stattfindet.

Das Diamant-Modell von Sam Kaner

Bei der Recherche zu Divergenz-Emergenz-Konvergenz bin ich auf einige Artikel von Kathy Jourdain (u.a. hier) gestoßen, die in ihrem Blog genau darüber schreibt. Ich habe in Chris Corrigans Bücherkiste gestöbert und bin dort auf ein Buch gestoßen, das ich mir sofort bestellt habe und wovon ich begeistert bin. Es ist das Buch „Facilitator’s Guide to Participatory Decision-Making“ von Sam Kaner, Lenny Lind, Catherine Toldi, Sarah Fisk und Duane Berger. In diesem Buch wird der Diamant der partizipativen Entscheidungsfindung vorgestellt.

kane_diamondEs ist ein Modell, dass vor einigen Jahren (inzwischen vermutlich Jahrzehnten) bei einem Computerhersteller als Problemlösungsmodell entwickelt wurde. Kaner nennt keine Namen, aber ich gehe davon aus, dass es Hewlett-Packard war. Und genau das ist das Modell, das wir als Divergenz-Emeregenz-Konvergenz bezeichnen. Mir gefällt der Name Diamant-Modell sehr viel besser, als der sperrige Name Diverg….. (ihr wisst schon!) und ich werde in Zukunft immer diesen Namen verwenden. Auch um – wie Chris Corrigan es ausdrückt – die Quellen zu ehren.

Durch das Lesen des Buches bin ich nochmal tiefergehend mit dem Thema des Diamant-Modells in Berührung gekommen und ich habe gemerkt, welche Weisheit in diesem Modell steckt. Ich habe mir u.a. vorgenommen, genauer darauf zu achten, in welcher Phase eine Gruppe im partizipativen Prozess ist und mir der „Shortcuts“, die immer wieder auftreten (z.B. schnelle Entscheidungsfindung) bewusster zu werden und anders damit umzugehen. Außerdem ist mir klar geworden, dass es in einer Gruppe auch Situationen gibt, in denen einfache Entscheidungen zu fällen  sind. Dann muss man nicht die Knirschzone durchschreiten und einen langfristigen Konvergenzprozess durchschreiten. Dann kann man auch schnell zu einer (bekannten) Lösung kommen (siehe die kleine Raute am Anfang).

Beyond the Basics

Ich freue mich, tiefer in die Weisheit des Art of Hosting einzusteigen – so wie mit der Recherche zum Diamant-Modell – und das ist genau die richtige Zeit für mich, da ich gerade im Flieger sitze, auf dem Weg zum Art of Hosting Beyond the Basics-Training in England. Wir werden Euch sicherlich mehr davon berichten.

Bis dahin freue ich mich mit Euch gemeinsam Räume für gute Gespräche zu schaffen.

Thomas